Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, den Systemblitz Yongnuo YN600EX-RT zusammen mit dem Fernauslöser Yongnuo YN-E3-RT zu testen. Ich war von den beiden Geräten positiv überrascht und empfehle dieses Produktbündel auch heute noch all meinen Trainingteilnehmern, die einen Systemblitz für Canon kaufen wollen!

Der ganze Test auf Englisch ist auf LightingRumours zu finden

 

Erste Eindrücke

Nach dem Auspacken war ich zunächst sehr zufrieden mit den Geräten, da ihre Fertigungsqualität sehr hoch ist. Das Blitzgerät und der Fernauslöser fühlen sich sehr solide an, die Displays sind ansprechend beleuchtet und leicht lesbar und die Tasten und Schaltflächen wackeln nicht. Lediglich auf dem Blitzgerät lässt sich die Hauptauswahl-Taste etwas seltsam drehen, was mich aber überhaupt nicht weiter stört. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es sich dabei überhaupt um einen Produktfehler handelt oder ob die Taste so sein soll.

Mein erster Eindruck während der Bedienung der Geräte ist, dass sie anderen Premium-Geräten in nichts nachstehen – abgesehen vom Preis natürlich! Ich war wirklich so sehr von der Produktqualität angetan, dass ich zweimal überprüfen musste, ob nicht doch vielleicht irgendwo das Logo einer Premium-Marke auf ihnen zu finden war 😉

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Die getesteten Geräte

 

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Viele Schnittstellen und sogar ein 1/4” Gewinde

Die Geräte sind vollständig kompatibel mit dem 2.4 Ghz Canon Funksignal, was bedeutet, dass sie in Verbindung mit dem Canon 600EX-RT Systemblitz und dem Canon ST-E3-RT Fernauslöser genutzt werden können. Unterstützt werden TTL, HSS und alle Features, die man für einen Systemblitz benötigt. Die einzige Funktion, die mir fehlte, war die Möglichkeit, den Zoom des Blitzes mit dem Fernauslöser kontrollieren zu können. Kein großes Problem, außer wenn man oft die Zoom-Einstellungen ändern möchte.

Kurz gesagt: du bekommst alle Features, die du von Premium-Equipment erwarten würdest.

Blitzleistung

Von diesem Systemblitz bekommt man genau das, was man erwartet: ein sehr schnelles und helles Licht. Wenn man sehr pingelig ist, könnte man kritisieren, dass die von Yongnuo angegebene Leitzahl 60 ist, während aber meine Tests zeigten, dass die Maximalleistung die gleiche ist wie bei dem älteren Yongnuo YN560-II, dessen Leitzahl 58 ist. Es sollte aber auch klar sein, dass die Angaben zur Leitzahl nicht immer 100% genau sind.  Oder es könnte natürlich auch sein, dass dies nur bei dem von mir getesteten Gerät der Fall ist. Im Vergleich dazu bekam ich hier 2/3 Stop mehr Licht als bei meinem Canon 430EX-II, dessen angegebene Leitzahl 43 ist. Die Blitzladezeiten sind auch sehr kurz; bei voller Leistung sogar etwas weniger als die von Yongnuo angegebenen drei Sekunden!

Es gibt also keinen wirklichen Grund zur Klage: mit dem YN600EX-RT bekommt man viel Leistung für einen Systemblitz.

Funkverbindung

Hier habe ich gemischte Gefühle. Blitzgerät und Fernauslöser sind einfach und schnell zu verbinden, die Verbindung ist zuverlässig und man hat keine Probleme damit, den Blitz aus der Ferne auszulösen, sogar durch Wände hindurch oder in hellem Licht. Aber das gilt alles natürlich nur, SOLANGE auch tatsächlich eine Verbindung besteht… Leider wurde bei meinen Tests die Verbindung zwischen dem Blitzgerät und dem Auslöser einige Male ganz plötzlich unterbrochen und wurde danach auch nicht wieder automatisch hergestellt. Ein Firmware Upgrade beim Fernauslösers hat dieses Problem inzwischen behoben.

Wenn man die Produkte jetzt kauft, wird man wahrscheinlich auch nie auf dieses Problem stoßen. Dennoch ist es mir aufgrund dieser schlechten Erfahrung schwierig, dieses Gerät als 100% zuverlässig zu betrachten.

Kompatibilität

Mit das Schönste an diesen Geräten ist, dass sie mit dem Canon-Funksignal kompatibel sind, wie bereits erwähnt. Aber leider sind sie nicht kompatibel mit anderen (nicht-Funk) Yongnuo Produkten, wie die beliebten YN622 Fernauslöser… Ich wusste, dass du danach fragen würdest 😉

Hier sei auch noch kurz erwähnt, dass ich das Gefühl hatte, dass diese Funk-Kommunikation zuverlässiger als beim YN622 ist. Aber ehrlich gesagt, ist dies auch ein ungerechter Vergleich, da ich die YN622 benutze, um Studioblitze verschiedener Hersteller auszulösen (habe ich bereits eigentlich erwähnt Sie, wie sehr ich Studioblitze liebe?), während ich den YN-E3-RT-Auslöser ausschließlich benutzte, um den dazugehörigen Systemblitz auszulösen.

Schnittstelle

Ich konnte das Blitzgerät bedienen und alle Features nutzen, die ich brauchte, ohne die Bedienungsanleitung gelesen zu haben (wer liest schon gerne Bedienungsanleitungen?). Möglicherweise braucht man etwas länger, um ganz spezielle Features und Funktionen zu finden, aber im Allgemeinen sind die verschiedenen Menüs und Optionen selbsterklärend und einfach zu bedienen. Zugegebenermaßen  hätte ich einige Verbesserungsvorschläge (zum Beispiel ein Wahlrad oder zwei Tasten für die direkte Einstellung der Blitzleistung wären nett), aber das ist sicherlich auch „Geschmackssache“.

Persönliche Vorlieben hin oder her, was definitiv ein Problem war, waren jedoch die zufällig auftretenden Fehlermeldungen, dass das Blitzgerät direkt nach dem Einschalten angeblich kurz vor dem Überhitzen stünde. Wenn man das Gerät aus- und sofort wieder anschaltete, verschwand die Fehlermeldung. Fairerweise muss man aber sagen, dass eine neue Firmware dieses Problem wahrscheinlich gelöst hat (ich konnte das Blitzgerät nicht upgraden, nur bei dem Fernauslöser klappte es), was aber sowieso zweitrangig ist, wenn man nicht gerade unter Zeitdruck arbeitet.

Auch hier habe ich wieder den Eindruck, dass die Geräte einwandfrei funktionieren, WENN SIE DENN FUNKTIONIEREN, oder klarer ausgedrückt: sie sind nicht immer absolut zuverlässig. Ich würde keine Minute zögern, sie zu einem Test-Shooting oder zu einer Freizeitreise mitzunehmen, aber ich würde mir gut überlegen, ob ich sie für ein Event oder für ein wichtiges Shooting verwenden würde.

Fazit

Wenn man mich fragen würde, ob ich gerne mit dem Yongnuo YN600EX-RT und dem YN-E3-RT arbeite, würde ich das auf jeden Fall bejahen. Wenn man mich fragen würde, ob ich sie wieder verwenden würde (trotz meiner wunderbaren Studioblitze, die ganz neidisch auf mich in meinem Fotostudio warten…), würde ich auch dies bejahen. Wenn man mich aber fragen würde, ob ich die beiden Geräte empfehlen kann, würde ich antworten: „Es kommt drauf an.“ Wie so oft, kommt es darauf an, wofür man sie verwenden möchte. Einfachheitshalber gehe ich davon aus, dass du, lieber Leser, zu einer der drei folgenden Zielgruppen gehörst:

Der Amateurfotograf, der (fast) keine Blitzgeräte besitzt
Herzlichen Glückwunsch! Diese beiden Produkte sind perfekt für dich – denk nicht weiter nach und kauf sie, denn du wirst es nicht bereuen und du wirst sehr viel Geld sparen. Manchmal wirst du etwas länger brauchen, bis du herausfindest, warum die nicht sofort funktionieren (mit etwas Glück passiert dir das vielleicht nie), aber du wirst dir bestimmt nie aus Verzweiflung „die Haare raufen“ (was aber wieder abhängig von der individuellen Geduldsgrenze ist…).

Der Amateurfotograf, der bereits Blitzgeräte besitzt
Wenn du einen neuen Systemblitz brauchst, ist der YN600EX-RT eine gute oder sogar eine ausgezeichnete Wahl, falls du bereits mit dem Canon-Funksignal arbeitest (oder arbeiten willst).  Hinsichtlich des Auslösers, wenn du nichtkompatible Blitzgeräte besitzt, dann kann ein anderes Produkt (z.B. der YN622) eine sinnvolle Alternative sein. Oder der neuer(er) Yongnuo YNE3-RX Empfänger könnte für dich auch interessant sein, da er mit dem YN-E3-RT kompatibel ist.

Der professionelle Fotograf
Obwohl ich keine besonderen Gründe sehe, warum du diese Geräte nicht kaufen solltest (insbesondere wenn du es schaffst, die Firmware zu aktualisieren), bin ich mir nicht sicher, ob ich sie dir uneingeschränkt empfehlen kann. Im Leben „bekommt man nichts geschenkt“ und es gibt daher auch einen Grund, warum die Preise für Premium-Geräten höher sind. In der Tat sind Premium-Geräte in der Regel zuverlässiger und langlebiger, und du möchtest dich bestimmt nicht mit einer “funktionsunfähigen“ Ausrüstung vor Deinen Kunden oder Deinem Team „rumschlagen“.  Wenn du ein professioneller Fotograf bist und Systemblitze benutzt, ist es wahrscheinlich, dass du damit vor allem auf Events und Hochzeiten arbeitest. Nun, an Deiner Stelle würde ich wahrscheinlich ein teureres Produkt kaufen, damit du entspannter auf einer Hochzeit arbeiten kannst und die Braut nicht immer wieder fünf Minuten warten muss, bevor du sie endlich fotografieren kannst 😉 Aber auch Premium-Geräte funktionieren manchmal nicht, und natürlich müssen auch Profi-Fotografen ihr Geld sorgfältig investieren; deswegen wenn du dich entscheiden solltest, dir die Yongnuo-Geräte zu kaufen, werde ich dir keine Vorwürfe machen – versprochen!

 

Übrigens, es gibt jetzt eine neuere Version vom diesen Systemblitz: den Yongnuo YN600EX-RT II, der auch die Canon optische Master Blitz-Funktion unterstützt